Paula

Paula

Paula  war zwei Jahre alt und ihr Temperament kaum zu zügeln. Von jeher liebte sie Rosen abgöttisch. Leider hatte sie sich beim Toben in einem Ohrensessel, ein Erbe ihrer Großmutter, beim Hopsen einen Salto geleistet und war kopfüber daraus katapultiert worden. Ein Augenmuskel war gerissen und zwang ihr rechtes Auge in ein ganz andere Richtung, wie das linke. Das bemerkten die Eltern erst, als sie nach zwei Tagen im Krankenhaus aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachte.

Paula war jetzt überhaupt nicht mehr die süße Kleine, eine große Brille mit einem Prisma versteckte ihre Augen. Es haperte mit der Koordination, alles sah sie fortan doppelt. Tollpatschig griff sie neben Teller und Tassen. Nur, wenn sie Dinge vorher sacht berührte, oder das linke Auge zukniff, gelang es ihr, die Dinge sofort zu BE-GREIFEN. Der Trick, mit dem rechten Auge zu sehen, empfand sie als genial, denn die Sehschärfe war viel besser. Sicher lag es daran, das es sich den ganzen Tag in der Ecke des Augenlides ausruhen konnte. Der Professor der Augenheilkunde, den die besorgten Eltern hinzuzogen, wurde ihr stetiger Begleiter, denn sie musste bis zum 12. Lebensjahr warten, bis die erste Korrektur erfolgen konnte. Im Wechsel wurde ein Auge zugeklebt, oder  mit einem Prisma versorgt. Sehr zu ihrem Leidwesen. Wegen ihrer Ungeschicklichkeit bekam sie oft Prügel von den Klassenkameraden oder wurde einfach nur so verhauen, weil sie so aussah, wie es nun mal war. Ihre Freundin hieß Katie und sie störte sich nicht an ihrem Aussehen. Sie wohnte im gleichen Haus und hatte ebenfalls wie Paula, reichlich Geschwister. Ihre Eltern gingen beide arbeiten, was ihr viel freie Zeit bescherte. Im Sommer bedeutete es für Paula, allein zu sein, da Katie mit der Familie in Spanien oder am Diemelsee war.

Paula begann, im elterlichen Garten eine Ecke für sich zu erobern. Dort pflanzte sie für sich die erste Rose, nur für sich allein. Die Rose bekam den Namen: Paula. So schön wie Paula, war sie in ihren  kühnsten Träumen. Abends im Bett unterhielt sich mit ihrem lieben Gott ihrer Kindertage: Lass mich gerade Augen haben, vielleicht noch das Geld für eine Zahnklammer und wenn es geht noch gerade Beine. Rose Paula musste sich das alles anhören, lag sie doch getrocknet in einem Buch, weil ihre Schönheit vergänglich war.

Paula wurde älter, schwor sich, etwas zu wollen oder nicht zu wollen. Als Kind hatte sie aus einer streng geprägten, katholischen Sippe, nichts zu wollen. Unsere Paula hat nur Flausen im Kopf, hieß es oft. Ihre Eltern waren permanent überfordert. Vater von Adenauer freigekauft, kam krank aus russischer Gefangenschaft nach Hause und verliebte sich in eine Eisverkäuferin in Grafenwald. Paulas Mutter hatte einen Bauchladen und verkaufte kühle Köstlichkeiten aus dem mütterlichen Lebensmittelladen. Ihre Ausbildung als Kinderkrankenschwester konnte sie nach dem Krieg nicht mehr ausüben, so blieb ihr die Stelle bei einer reichen Familie, um deren Kinder großzuziehen.

An den Wochenenden half sie der Mutter durch den Hinzuverdienst von selbstgemachtem Eis. So viele Heimkehrer bevölkerten die Biergärten, so viel Nachholbedarf. Ausgerechnet Paulas Mutter verliebte sich in den glatzköpfigen, ausgehungerten, charmanten Draufgänger. Nach einem abendlichen, heimlichen Spaziergang war schnell klar, das verlangte eine Fortsetzung. Paulas ältester Bruder war schon gezeugt und in aller Eile wurde die Hochzeit vorbereitet, denn Ordnung muss sein.

Großvater war Kirchenmusiker, ein Mann des Glaubens. Der einfachheithalber war er auch Küster; schließlich brauchte er nur durch den Garten, um in die Kirche zu gelangen. Die Kirchenzeitung trug er auch aus, Nachbarn meinten, es sei unter seiner Würde, jedoch liebte er die Kommunikation, den Austausch mit anderen Menschen. Er war Kunstliebhaber ohne Geld, aber 11 Kindern. Fünf hatten Krankheit oder Krieg ihm genommen. Im neuen Schwiegersohn fand er einen ihm gebührenden Gesprächspartner, der nicht nur klug war, sondern auch über Zeit verfügte, denn er wurde schnell Invalide. Er malte in der Freizeit, zeugte Kinder, jedes Jahr war Mutter schwanger, gebar ein Kind oder verlor es frühzeitig. Dann fand sich Paula in fremden Familien wieder, getrennt von ihren inzwischen zwei Brüdern. Sie musste überlegen, war das nun ihre richtige Großmutter oder eine nach heutigen Gesichtspunkten eine Leihoma?

Großvater bereiste indes ganz Europa, allein, ohne seine Frau. Getarnt als Pilgerfahrten, sah er sich fremde Länder an und erzählte lange Abende mit Antonius, der sich nicht satt hören konnte. Bei Schnaps und Bier vergingen die Stunden schnell und die Kinder spielten draußen, das war schön. Paula bekam eine Schwester, von zarter Gesundheit und engelsgleicher Schönheit, die nicht zu überbieten war. Sie wurde Prinzeschen genannt und eroberte alle Herzen im Sturm. Gleich 9 Monate später war Thilo geboren und das Unheil nahm seinen Lauf. Wieder in einem Heim, bei fremden, überforderten “Erziehern”, lernte Paula sich zu wehren. Erst beten, dann prügeln, dann Missbrauch. Das wollte sie nicht. Das Kinderheim gibt es heute nicht mehr, es ist also vielen Kindern das erspart geblieben, was Paula dort erleben musste. Nachdem sich ihre Mutter von der letzten Geburt erholt hatte, wurde Paula aus Fohlenbruck abgeholt.

Gerade hatte eine Schneiderin für sie einen Mantel genäht, mit passendem Schal, eine Spende für Bedürftige. Es war kalt an diesem Tag. Als sie Mutter sah und verstand, das sie dort abgeholt wurde, riss sie ihren neuen Mantel von der Garderobe und rannte lachend und weinend den langen Weg zu Mutter. Sie hatte leuchtend rote Haare und war leicht zu erkennen. Der fehlende Schal, bloß nicht zurücklaufen, wo ist dein Schal, Paula, du wirst krank. Wurde sie auch. Aber zurücklaufen, nein, das wollte sie nicht.

Heute besitzt Paula Schals in allen Variationen und Farben, selbst gewählt, nicht kratzend. Sie ertappt sich dabei, wenn sie ihren Kindern im Erwachsenenalter Schals kauft oder um den Hals wickelt, weil sie will, das nichts an sie dran kommt.

Endlich war es soweit. Die Operation erfolgte und wurde während des Krankenhausaufenthaltes wegen Misserfolgs wiederholt . Während dieser zwei Wochen war Paula auschliesslich auf ihr Gehör angewiesen, denn ihre Augen waren verbunden. Die Schwestern, die sie fütterten oder wuschen, waren Phantasiewesen. Sie waren sehr liebevoll und Paula bekam eine Zuwendung, die sie nicht kannte. Mutter schenkte der kleinen Paula einen kleinen Hund von Steiff. Es war ein Bernhardiner und wurde Malkus getauft. Die Harmonie des weichen Fells wurde durch einen harten Knopf im Ohr unterbrochen, deshalb riss Paula ihm das Ohr ab. Jetzt ließ er sich besser drücken; für alle Fälle bewahrte Paula das Ohr auf, denn soviel hatte sie verstanden: das war ein teures Stück.

Die Katastrophe, als der Verband abgenommen wurde, war für Paula ein Trauma. Es hatte eine Überkorrektur stattgefunden. Beide Augen schauten nach außen. Die Schwestern, die sie bislang nur gehört hatte, nahmen Realität an und Paula war entsetzt. Sie waren so ganz anders, als das, was ihr die Ohren vermittelt hatten. Nicht elfenhaft, blond, zart und mit versteckten Flügeln, sondern kräftig, schwarzhaarig und fremd. Ihre Gefühlswelt fuhr Achterbahn, sie fühlte sich getäuscht. Hatte sich selber täuschen lassen. Sie sollte nicht weinen, denn sonst lösten sich  frühzeitig die Fäden auf. Paula lernte, das Phantasie etwas Wunderschönes war und mit der Wirklichkeit nichts zutun haben musste. Sie sah ihren Malkus an, verletzt mit nur einem Ohr. Ihre erste Tätigkeit zu Hause: Mutters Stopfkorb finden, einen Zwirnsfaden, recht fest, in eine lange Nadel zwirbeln und  schon war das Ohr wieder dran. Sie beließ den Knopf im Ohr , denn der war für die Großen wichtig.

Paula schaut auf die geschriebenen Zeilen und verspürt den Wunsch, den kleinen Hund zu berühren. Sie läuft im großen Haus umher und findet ihn schließlich in ihrem Schlafzimmer.

Vor Jahrzehnten hatten ihre Kinder mit Malkus gespielt, ihn im Arm gehalten und sich von ihm trösten lassen. Es war das einzige Teil, was Paula aus ihrer Kindheit mitgenommen hatte. Er hatte Aus- und  Umzüge überstanden, war inzwischen ein betagter alter Herr, immerhin ein halbes Jahrhundert alt. Sie erinnerte sich plötzlich an ihren Großvater. Er hatte einen  riesigen Bernhardiner ganz preiswert erworben, denn seine Mutter hatte ihm versehendlich nach dem Wurf ein Ohr abgetreten. Er hieß Malkus. Der treue Weggefährte wurde sehr alt. Als Opa starb, wurde er im Zwinger eingesperrt. Nach der Beerdigung brach Malkus, der weder essen noch trinken wollte, aus dem Zwinger aus und fand sein Herrchen auf dem Friedhof.

Er wachte am Grab, nach Tagen ausgezehrt und schwach, blieb den trauernden Verwandten nichts anderes übrig, als ihn einschläfern zu lassen.

Paula nahm ihren Freund aus Kindertagen in den Arm und trug ihn zurück in ihr Schlafzimmer, ganz vorsichtig, wie einen Schatz und legte ihn zu einer alten, getrockneten Rose.

Johannes, ihr ältester Bruder, wurde von einer Filmgesellschaft entdeckt. Von den Probeaufnahmen gibt es heute noch ein Portrait. Wer war die treibende Kraft, Kinder zu vermarkten? Fünfhundert DM im Monat, wenn er zum Film geht. Tatsächlich ging Johannes nach einem Gespräch zwischen Großvater und Anton, seinem Erzeuger, in ein Internat. Er sollte Priester werden. Von Fünfen eins für Gott, hatte Großvater auch so gehandhabt: 11 Kinder, zwei für das ewige Heil, der einfachheithalber die Zwillinge, sie konnten eh nicht ohneeinander.

An den Wochenenden bedeutete dies für die Kinder, einen Ausflug zu Johannes zu machen. Reisen per Bahn. Neu eingekleidet und frisch gescheitelt fuhren sie los und betraten eine düstere Welt. Männer in langen Kutten schlichen langsam durch lange, schlecht beleuchtete Flure. Johannes in Uniform. Paula. Florian, alles in Frage stellend. Prinzessin Frieda, zu schwach zum Laufen, saß immer bei irgendwelchen Leuten auf dem Schoss. Thilo mit seinen großen wasserblauen Augen. Er war größer als Frieda und die beiden gingen lange für Zwillinge durch, trugen auch die gleiche Kleidung. Paula durfte zum Kaffeetrinken nicht bei den Jungen sitzen, es war ein Pensionat für Knaben. Deshalb durfte sie in ihrem roten Kleid in einen anderen Raum, zu einem fremden, freundlichen, Padre. Der Kuchen war verlockend und er stand ganz nah an dieser schwarzen Kutte. Freundlich hob er Paula auf seinen Schoss, damit sie besser essen konnte. Sie schlug ihm ins Gesicht und rannte los. Das wollte sie nicht. Laut rufend irrte sie durch ihr unbekannte Räume, immer dort hin, wo es etwas heller war. Mutter verstand die Welt nicht, entschuldigte sich für Paulas schlechtes Benehmen. Wieder zu Hause, packte sie für Johannes ein Päckchen, es enthielt Kopfschmerztabletten. Johannes war 12 Jahre alt.

 Sie denkt voller Liebe an ihren kleinen Bruder Thilo. Hallo, ich bin bald wieder da, hab keine Furcht, Du machst alles richtig. Klettere weiter in Deinen Bäumen und hör nicht auf zu träumen, weil es sich lohnt. Da gibt es Menschen, im Jetzt, die Dich gerne begleiten.

Paula will Kinderärztin werden. Unsere Paula hat nur Flausen im Kopf. Wie soll dieser Wunsch in Erfüllung gehen? Voller Wissbegierde frisst sie die Anatomiebücher ihrer Mutter, auf dem Fußboden im elterlichen Schlafzimmer, vor einer alten Kommode , sitzend, vergehen Stunden wie im Flug. Sie ist fasziniert von der Wunderwelt Körper und es lässt sie nicht mehr los. Unterdessen wird diskutiert, was aus Paula einmal werden soll. Vielleicht ist in der Küche des Knabenpensionats eine Stelle als Haushaltshilfe frei. Verwundert verfolgt sie die Gespräche der Erwachsenen und nur langsam begreift sie, das da über ihr Schicksal entschieden wird. Sie fühlt sich hässlich und machtlos.

In der Ehe ihrer Eltern kriselt es gewaltig. Mit sieben Personen leben sie in einer dreieinhalb- Zimmerwohnung, nirgendwo hat man seine Ruhe. Freiraum hat man nur draußen. Hinter dem Haus ist ein riesiges Kornfeld. Bei ihrer ersten Zigarette, versteckt hinter einer Hecke in der Sonne sitzend, fühlt sich geborgen. Der Bauer hat das Korn gemäht und der Duft ist betörend. Versehendlich setzt sie das gesamte Feld in Brand, denn die Glut der Zigarette war nicht ganz verlöscht. Erinnerungen an eine Strafe hat sie nicht. Dieses Feld hat ihr viele Möglichkeiten geboten. Es war von der elterlichen Wohnung gut überschaubar. Wenn sie bei der Kartoffelernte half, bekamen sie und andere Kinder entweder 5 DM oder durften zur Belohnung auf Elsa reiten, einem Haflinger. Paula hatte mit Geld noch nichts am Hut und ritt lieber. Ein Glücksgefühl erfasste sie auf dieser weichen Haut, das kannte sie nicht. Für sie sollten solche Sommer nie enden und abends im Bett, bei ihren Phantasiereisen, ritt sie durch Wälder, als Prinzessin oder Zigeunerin, an keine Verbote, Tabus und Regeln gebunden. Angstfrei. Der Wind zerzauste ihre langen Haare und sie lachte mit der Sonne um die Wette.

Nach einem Gespräch zwischen ihrem Großvater und Anton wiederholte Paula erst einmal ein Kurzschuljahr. Danke im Nachhinein dafür, liebe Ahnen. In Anatomie und Religion hatte sie eine 1, das hatte ihr bisher nicht weiter geholfen. Im Gegenteil. Einmal beobachtete sie eine hochschwangere Frau und ein Nachbarsmädchen mit Namen Ute fragte sie, warum die Frau so dick war. Wahrheitsgemäß erklärte ihr Paula, das die Frau ein Kind erwarte. Zu Hause im Garten standen alle Mütter zusammen und redeten auf Paulas Mutter ein. Ihre Tochter würde Sauereien erzählen und sie müsste sich für ihre Lügerei entschuldigen. Paulas Argumente wurden im Keim erstickt. Keifende Frauen, eine Mutter, die böse auf Paula war, Angst vor Strafe brachten Paula dazu, zu sagen: ich habe gelogen.

Sie verlor das Vertrauen zu ihrer Mutter. Sie musste es doch wissen, warum stand sie ihr nicht bei? Warum? So viele Fragen, keine Antworten. Von ihrer Mutter Rosa konnte sie, was ihre Lebensplanung anging, keine Hilfe erwarten. Zärtlichkeiten vermisste  sie nicht, weil sie seitens ihrer Mutter keine bekam. Eines von vielen Tabus in der Sippe. Sogar Umarmungen gehörten sich nicht.

Anton musste regelmäßig aus der Kneipe abgeholt werden, Paula hakte sich bei ihm ein und es kostete ihre ganze Kraft, ihn gerade gehen zu lassen. Heute weiß sie, das die Nachbarn das torkelnde, ungleiche Paar hinter den Fenstern beobachtete. Das gesamte Einkommen ging für Schnaps drauf. Mutter fing wieder an zu arbeiten, in einer nah gelegenen Großstadt. Mit dem Bus fuhr sie zur Nachtschicht.  Oft bestand ihr Lohn aus Naturalien, die Paula heute noch meidet. So groß war die Not und Anton trank den Schnaps aus Kaffeetassen. Mutter Rosa war arbeiten und Thilo fiel in ein “Kellerloch”, er hatte einen Schädelbasisbruch erlitten. Keiner erkannte die Schwere der Verletzung oder holte Hilfe. Nach Dienstschluss fuhr Mutter mit dem Bus wieder los, diesmal mit Thilo im Arm. Es dauerte lange, bis er wieder zu Hause war, er stotterte jetzt. Frieda indes bekam eine Direktübertragung von Mutters Blut, Florian eine Meningitis, Johannes renkte sich beim Toben die Hüfte aus und Paula wurde missbraucht.

Antons Gesundheit war inzwischen stark geschädigt, nach einem Arztbesuch fand er die Wohnung leer vor. Rosa hatte ihren Mann verlassen, mit Hilfe ihrer Schwester Lisa zog sie in eine freistehende Etage einer Sozialeinrichtung, wo auch Lisa arbeitete. Ein freundlicher Heizer hatte mit seinem Kohlenlaster die Habseligkeiten transportiert. Für alle begann ein ganz neues Leben. Auf einmal war Platz da, jedes Kind hatte ein eigenes Zimmer, die Jüngsten konnten auf dem langen Flur Roller fahren. Ein Gefühl der Freiheit und Glück schlich sich ein. Es dauerte noch eine Weile, bis jedes Kind seinen Platz  im Leben fand.

Paula hatte plötzlich ein neues Umfeld, neue Klassenkameraden. Sie fand schnell Anschluss in ihrer Wissbegierde. Manche Sachen kannte sie schon aus ihrer alten Schule. Wo ihre kleinen Geschwister zur Schule gingen, blieb ihr ein Rätsel. Alles war neu, jede Strasse, jedes Gesicht. Johannes war wieder zu Hause. Ohne jeglichen Abschluss und begann eine Ausbildung als Kaufmann. Zumindest für eine kurze Zeit.

Die Familie war ein Kaos für die soziale Einrichtung. Die Kinder richteten großen Schaden an, ohne es wirklich zu wollen. Es war Unwissenheit. Mutter Rosa hatte zum Beispiel einen Sauerbraten eingelegt, er lag in seiner Beize im Kühlschrank. Klein Thilo fand, das er ordentlich stank und schmiss ihn ins Klo. Die Etagen, die darunter lagen, waren nun nicht mehr in der Lage, ihr Abwasser quitt zu werden. Es suchte sich den geringsten Weg des Widerstandes. Erst hieß es, es sei ein Rohrbruch, aber als das Mauerwerk aufgebrochen wurde, war schnell klar, woher die Ursache kam. Die damalige Oberin half bei der Wohnungssuche für eine große Familie. Mutter Rosa war eine verlässliche Angestellte des Hauses, ihr freundschaftlich verbunden. Sie kannte die Nichte eines Bierbrauers, die ihre Wohnung aufgeben wollte und nach Süddeutschland ziehen wollte. Ihr Onkel war der Gründer eines Bieres, welches es noch heute gibt. Die Ablösesumme für das Mobiliar war damals 800 DM. Es fanden sich darunter wunderschöne Stücke aus Kirschholz oder Wurzelfurnier und die Familie zog in eine hochherrschaftliche Wohnung.

Anton hatte kurz vorher versucht, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Die Kinder waren verschreckt und verängstigt, wussten nicht, was da passiert. Vier Wochen nach dem Umzug starb Anton. Einsam. Er hatte ein Gedicht geschrieben:

Ich bin ich, Du bist Du,

niemand kennt den Andern.

Liebe ist Drängen von Blut zu Blut,

jeder muss einsam wandern.

Lern es bei Zeiten und merk es Dir gut,

nichts ist im Leben gemeinsam.

Einmal erlöscht auch die lohernste Glut

und Dein Leben ist einsam.

Paula nahm dieses Gedicht im Herzen mit ins Internat, welches sie nach einem Verkehrsunfall, auf dem Weg zum “Coop”, erlitten hatte. Im “Coop” hatte sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen, wie Johannes und Florian. Das war ein schlimmer Unfall, aber auch ein Wink des Schicksals.

Im Krankenhaus, wo ihre Wunden heilten, sprach sie mit ihrer geliebten Tante Lisa, von ihr liebevoll Tante Lissi genannt. Sie hatte Karriere gemacht und führte den Laden. Sie hatte gute Beziehungen, weit über die Grenzen der Stadt.

Nach einigen Telefonaten und sechswöchiger Verspätung zog Paula in ein Internat, 180 Kilometer entfernt von zu Hause. So kam sie in den Genuss des Fachabiturs. Die Ordensfrauen setzten Paula neben Mädchen, die von Gymnasien kamen, dort aus welchen Gründen auch immer gescheitert waren und hier eine erneute Chance bekamen. Paula saugte alles auf, wie ein Schwamm. Das Schulgeld konnte Rosa bald nicht mehr zahlen und Paula erhielt aufgrund ihrer Leistungen ein Stipendium. Physik, Chemie, Tanz, Choreographie, Englisch, Mathe, besonders Deutsch. Paula war glücklich wie nie zuvor. Als sie anfing, kleine Theaterstücke zu schreiben, die zur Aufführung kamen, stellte sie sich vor, Rosa säße, wie die anderen Eltern, im Zuschauerraum. Was aber nie der Fall war. Es war aber Rosas Schwester Adi, Ordensfrau im Kloster, die ihr zuhörte. Sie konnten zusammen lachen, richtig kichern, wenn sie gemeinsame Spaziergänge unternahmen. Paula durfte dann eine Zigarette rauchen , aber nur eine. Es war eine wunderschöne Zeit, eine geschützte Welt. Paula erfuhr etwas über innere Werte, auf die es ankommt. Sie blühte auf, lernte viel, besonders, das sie liebenswert war.

Egal, was ihr vorher vermittelt wurde, die Zeiten waren vorbei! Zusammen mit ihrer Freundin Ursula trat sie vor Publikum in einem Ausdruckstanz auf. Der Titel war Teufel und Engel. Sie war der Teufel in einem giftgrünem, langen, weitschwingendem, Kleid. Ihre Augen waren mit einem schwarzen Kajalstift umrandet. Sie legte alles in diesen Tanz, wo es um das Ringen von Gut und Böse ging. Es war ein großer Erfolg, sogar in der regionalen Presse erschien ein Artikel. Paula durfte in der sich anschließenden Feier mit dem Bürgermeister tanzen. Hier durfte sie lernen, an sich zu glauben. Ich kann etwas. Ich habe keine Flausen im Kopf. Ihre Talente wurden erkannt und gefördert.

Paula bestand mit großem Erfolg ihr Examen, zur Feier erschienen Tante Lissi und ihre Schwester Adi. Aufgrund ihrer Einschulung mit fünf  Jahren, trotzt der zwei Kurzschuljahre, war Paula immer noch zu jung, noch keine achtzehn Jahre alt. Wieder in der heimatlichen Großstadt besuchte sie eine sogenannte, kostengünstige Vorschule. Kostengünstig fürs Haus, weiß sie heute. Was hatten sich die Gesundheitsdienstler da nur ausgedacht. Das Krankenhaus lag nahe der Steinstrasse, einem Straßenstrich. Die totgeborenen Kinder hatte sie je nach Geschlecht Maria oder Josef zu taufen. Morgens, nach dem Nachdienst, schauten sich die Schulschwestern die Ausbeute der Nacht an. Hauptsache, sie waren getauft. Kleine, getötete Menschenwesen in einer Edelstahlpfanne.

Einmal, es war schon hell, saß Paula lange mit einem toten Kind im Arm auf einer Treppe und konnte sich nicht richtig trennen. Es war groß und fertig, schön angezogen, noch warm. Es sollte in die Prosektur, an das Fußende eines Verstorbenen. Das war damals so, die Kinder wurden nicht beerdigt, die Eltern konnten nicht Abschied nehmen. Sie hatten keinen Ort zum Trauern. Sie wurden an das Fußende eines Verstorbenen gelegt und die Eltern wussten nicht, wo ihr Kind hinkam. Heute ist es anders und das ist gut so.

Der Mensch, der Paulas erstes Gitarrenbuch illustriert hat, hat zusammen mit einem Steinmetz vom Niederrhein eine Gedenktafel errichtet. Für Sternenkinder. Schön, das es ihn gibt.

Endlich konnte Paula ihr Studium beginnen. Ein Augenarzt nahm sie gleich als Paradebeispiel in sein Visier. Er kannte an der Uni einen Facharzt, da sollte sie sich vorstellen. Sie fuhr mit der U-Bahn hin, machte einen Termin ,ziemlich zeitnah.

Friedemann tritt in ihr Leben.

Friedemann, ein Freund von Johannes, beide in der Nähe von Bad Godesberg stationiert, bleibt, nachdem er ein Foto von Paula gesehen hat, nach einem Zechgelage mit Johannes, bei Mutter Rosa über Nacht. In der Küche steht ein Chaiselongue. Zum Nackenschmerzen kriegen, wenn man schlafen möchte, weil das Kopfteil immer hoch steht. Die Männer haben frei am Wochenende und feiern alles mögliche. Paula hat auch frei und verliebt sich in Friedemann. Ruhig, still, schön wie Roy Black. Sie nimmt den Op-Termin wahr. Schon wieder, örtliche Betäubung, nüchtern seit Stunden, lässt sie die Tortour über sich ergehen. Endlich fertig, fährt sie mit einem Taxi nach Hause. Unterwegs bittet sie den Taxifahrer, kurz anzuhalten. Sie übergibt sich in eine Baugrube, die Bauarbeiter staunten nicht schlecht und fluchten . Zu Hause fällt sie ins Bett und will nur Dunkelheit. Sie wickelt sich einen Schal um beide Augen, dann tut es nicht so weh. Als sie Stunden später nach etwas Trinkbaren sucht, hält Friedemann ihre Hand. Er reicht ihr einen Becher mit einem Strohhalm und sagt, sie solle schlafen. Das geht natürlich gar nicht. Sie denkt, da sitzt der Mann ihrer Träume am Bett, wie kommt der dahin? Sie liegt im mütterlichen Schlafzimmer, es gehört Rosa und Rosa erlaubt, das Friedemann ihre Hand hält! Friedemann hat sie kennen gelernt, als sie aussah wie Marti Feldmann. Zeitzeugen wissen, wie er aussah. Im Haushalt leben nur noch Katzen und Rosa, an den Wochenenden bevölkern Studenten, Freunde von Johannes, von Florian, der den Wehrdienst nicht verweigern konnte oder Friedas Boxer ,die Wohnung. Klein Thilo taucht nicht auf. Wo ist er abgeblieben? Der Altersunterschied hatte sie für eine gewisse Zeit getrennt und zwei Leben führen lassen, wie es unterschiedlicher nicht sein konnte. Paula hatte eine Harmoniesucht entwickelt, schwamm mit dem Strom, bloß nicht auffallen, still und leise machte sie ihr Ding. Thilo kämpfte als jüngster Spross im Großstadtdschungel, ohne den Schutz von großen Brüdern. Sie ist in ihrer Kindheit von Johannes beschützt worden, noch heute trägt er Narben davon im Gesicht.

Bei Paulas Hochzeit mit Friedemann war Thilo 16 Jahre alt und erlernte einen handwerklichen Beruf. Florian studiert in Norddeutschland, Johannes an der Uni in der Nachbarstadt und Frieda besucht dasselbe Internat, wie Paula damals. Paula und Friedemann zogen an die belgische Grenze, arbeiteten, sparten sich ihre erste Wohnungseinrichtung zusammen und waren verliebt. Auf Offiziersbällen konnte Paula in langen Kleidern tanzen. Beide träumten davon, irgendwann im eigenen Haus, vor einem Kamin zu liegen und in das prasselnde Feuer zu schauen. Ob sie sich im hohen Alter von 50 Jahren noch lieben würden? Das war damals für sie ein biblisches Alter.

Sie wünschten sich aus vollem Herzen ein Kind. Ihr Wunsch ging zwei Jahre später in Erfüllung: Tillmann wurde geboren, das erste Kind der Liebe. Er war 60cm. lang und 4800 g schwer. Er wurde per Sectio, nach zweiwöchiger Übertragung, geholt. Rosa war angereist, pünktlich am Termin und ein Nervenkrieg entbrannte. Die Warterei ging allen gewaltig an die Substanz und Rosa fuhr frustriert nach zehn Tagen wieder ab.

Endlich allein, nahm alles seinen Lauf, Kreißsaal, Wehen, Blase eröffnen. Passt nicht. Tante Lissi machte den Ärzten am Telefon Vorschläge und sich sehr unbeliebt. Endlich war Tilmann da. Groß, schön, blond und laut. Damals durfte man beim Kaiserschnitt nicht stillen, also wurde er mit Flaschennahrung groß. Er war neun Monate alt, als Friedemann einen Versetzungsbefehl nach Bayern erhielt. Trennungszulage wollte Paula nicht, sie wollte bei Friedemann bleiben, hatte außer ihren Arbeitskollegen im Krankenhaus nichts, was sie in dem Ort hielt. Also Umzug in ein anders Bundesland. Es wurden Kisten gepackt, geplant und am Tag vor dem Umzug rüttelt klein Tillmann, mit dreizehn Monaten ,in seinem Zimmer, an der Schranktür seines Kleiderschrankes. Ganz oben steht sein Laster, ein Geschenk seiner Patentante . Der ist nicht eingepackt, denn er soll im neuen Zuhause sofort etwas Vertrautes zum Spielen haben. Auf dem Kipper kann er sitzen und sich mit den Beinen abstoßen, durch die Wohnung sausen. Nach wiederholtem Rütteln kommt er endlich runter und fällt Tillmann auf sein kleines, zartes Gesicht. Das Schicksal sollte sich wiederholen.

Augenscheinlich nur ein blauer Fleck auf Tills Gesicht. Paula drückte und liebkoste den kleinen Liebling und war vor Sorge ganz krank. Am nächsten Tag kam ein riesengroßer Laster und brachte den Hausstand Richtung neue Heimat. In einem klapprigen alten Audi fuhr die kleine Familie, zusammen mit Patentante Olli im Heck, hinterher. Paula hatte einen Vogelkäfig mit Finkensittichen auf dem Schoss.

Friedemann begann mit seinem Studium, Paula arbeitete nachts in einer privaten Altersresidenz. Am Vormittag schlief sie und eine liebe Nachbarin, Anna, mit der sie sich schnell anfreundete, wurde Tills Tagesmutter. Sie wohnten im gleichen Haus, Anna mit ihrem Mann Wulf und ihrem ersten Sohn im Erdgeschoss und Paulas Familie unterm Dach, dreieinhalb Zimmer mit Blick auf die Burg und einer Schokoladenfabrik. Im großen Garten konnten die Kinder spielen und die Großen faulenzen. Das Grundstück war eingezäunt und ein Kinderparadies. Wulf hatte die Fähigkeit, mit den Jungens ausgiebig und lehrreich Spiele zu erfinden. Oft lagen sie bäuchlings im Gras und beobachteten Ameisen, die in langen Strassen Futter ins Nest transportierten oder schauten sich Käfer  und Insekten an. Stundenlang lagen sie unter einer Trauerweide und errieten Vogelnamen. Anna hatte inzwischen 2 Söhne. Auf ihre Frage, ob Tillmann alleine groß werden sollte, wusste sie erst mal nicht zu antworten. Sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde, zwei Kindern gerecht zu werden. Sie dachte in den langen Nächten darüber nach und es reifte gemeinsam mit Friedemann der Wunsch, nach einem zweiten Kind. Das schaffen wir schon, meint Friedemann wie so oft. Er hatte immer Vertrauen in den Verlauf der Dinge, konnte Mut machen . Mit Till fuhren sie in eine Klinik, weil etwas mit seinen Augen nicht stimmte. Es wurden bestimmte Untersuchungen gemacht, auch ein MRT.

Seine Augen waren nicht mehr gerade, beide standen nach innen. Paula hatte einen Packen Fotos von Till mitgenommen, als Beweis, das es nicht immer so war. Auch er musste eine gewisse Zeit warten, bis eine kosmetische Korrektur vorgenommen wurde. Es ging  jedoch, der Wissenschaft sei Dank, schneller,als bei Paula. Seine bis dahin nicht erkannte Sehbehinderung wurde mit einer starken Brille behoben. Till saß staunend vor Spielsachen oder Büchern, lachte und freute sich, seine kleine Welt jetzt schneller zu begreifen. Annas Kinder waren für ihn mehr als kleine Freunde, eine Art Geschwisterkinder. Die beiden Familien unternahmen sehr viel gemeinsam in der Freizeit, machten Ausflüge, schwammen in Badeseen. Es entwickelte sich eine starke Freundschaft.

Paula will nicht mehr nachts arbeiten, sie hat die Nase gestrichen voll. Will keine dementen Menschen mehr suchen, nachts im Schnee, weil sie glauben, dort einen geliebten Angehörigen zu finden. Sie haben alles vergessen, leben in ihrer eigenen Welt. Manche haben Alzheimer, bösartig, das macht Paula wütend. Andere Bewohner schmieren ihr ein Brot, oder lassen ihr etwas vom Abendbrot über, das sind die fröhlichen Alzheimer. Da gibt es noch die, die nur grabschen wollen, Berührungen herbeiführen, versehendlich. Sie wollen wissen, wie sich junge Haut anfühlt. Heute ist es der Pflegewissenschaft bekannt. Paula will nur weg. Im sechsten Monat schwanger, kündigt sie. Verzichtet auf Mutterschutz, hätte sich auch krank schreiben lassen können. Bloss weg. Noch heute ist sie der Meinung, das Menschen das doppelte Gehalt bekommen müssen, die eine solche Tätigkeit ausüben.

Es begann eine Verschnaufpause. Friedemann hatte sein Studium schon fast fertig, mit Aussicht auf Erfolg. Fleißig schrieb er 80 Bewerbungen, wovon 77 negativ zurückkamen. Drei Zusagen. Jetzt mussten Paula und er eine Entscheidung treffen. Drei neue Orte, weit auseinanderliegend, andere Bundesländer. Sie entschieden sich für NRW, wieder etwas näher an die Familien, aus denen sie stammten. Doch erst wurde ihre kleine Hanna im Frühling geboren. Sie war leichter als Till , ganz anders, fordernd  und laut. Sie holte sich das, was ihr zustand, während Till abwartete, schüchtern und sensibel. Paula starb fast bei der Geburt, erhielt vier Bluttransfusionen und brauchte lange, um körperlich wieder belastbar zu sein. Friedemann ging zum Urologen und sorgte dafür, das keine weiteren Nachkommen das Leben von Paula mehr gefährden konnten. Anna und Wulf wurden die Paten.

Wieder kam ein Umzugslaster, diesmal doppelt so groß. Friedemann bekam von Vater Staat eine ordentliche Summe Geld und gemeinsam hatten sie sich eine richtig große Familienkutsche gekauft. Wieder fuhren sie ihrem Hausstand hinterher. Paula weinte bis Frankfurt, der Abschied war ihr so schwer gefallen, wie nie zuvor. Friedemann schimpfte, Paula soll doch an die Kinder denken. Sie riss sich zusammen, weinte jetzt leise und nach Stunden kamen sie im neuen Heimatort an.

Nach vielen Besichtigungen, es gab dort nur Eigentum, hatten sie sich für eine neue Atelierwohnung zur Miete entschieden. Vom 3500 Seelenort in eine Stadt. Welch eine Veränderung. Friedemann trug  jetzt Anzug und Krawatte, wenn er zur Arbeit ging. Von nun an war Paula allein für den Tagesablauf zuständig. Nach Erkundigungen bei der Stadt fand sie einen Kindergartenplatz für den kleinen Till. Es war eine schwere Zeit für Paula und ihn, denn er wollte lieber “nach Hause” und meinte Süddeutschland. Wenn die morgendliche Trennung anstand, weinte Till, die Kindergartenleiterin meinte, ich sollte schnell gehen, dann wäre es für ihn leichter.

Das würde Paula heute anders machen. Bald stellte sich heraus, das die Wohnung unpassend war. Chic, aber nur ein Kinderzimmer. Sie fanden ein Haus und zogen innerhalb der Stadt schon wieder um. Es war reichlich Platz vorhanden, sogar ein Garten hinterm Haus war da. Der sah ganz schnell so aus, wie Paula es von Burgdorf kannte, nämlich kindgerecht. Igel, Schildkröten, Katzen und später auch ein Hund, fühlten sich ebenfalls sehr wohl darin.

Jedes Jahr fuhren sie nach Burgdorf und verbrachten dort ihren Urlaub, Anna und Wulf hatten inzwischen 5 Kinder und lebten auf einem Bauernhof. Wenn Paula und Anna einkaufen gingen, war das ein Abenteuer. Einmal, an der Kasse eines Geschäftes ,bekamen sie einen Lachkrampf. Die Kassiererin wollte nicht glauben, das sie sieben Jogginganzüge, die im Angebot waren, kaufen wollten. Ganz schön praktisch waren diese Anzüge, schnell wieder trocken nach dem Waschen. Auf dem Acker , neben den Stallungen, stand ein Bauwagen, dort konnten die Kinder nach Herzenslust spielen. Hannas Lieblingsbeschäftigung war, morgens die Eier einzusammeln oder Äpfel zu pflücken. Sie war wie ein Junge, nicht zimperlich mit dem Austeilen von Kritik und blauen Flecken. Till war ruhig, abwartend und sensibel. Diese Ferien, wenn die Alten abends vor der Scheune bei einem Glas Wein saßen und stundenlang Gespräche führten, erscheinen Paula heute noch wie ein Geschenk.

Mit der Schulzeit kam der Ernst in ihre Welt und ließ die Zeit verfliegen. Paula war und ist nicht sonderbar geduldig, musste es aber lernen. Mit und durch ihre Kinder. Das volle Programm. Sie hatte neue Freunde gefunden, die auch Kinder hatten. Paula hatte sich gemeinsam mit Friedemann in der Jugendarbeit engagiert. Sie bereisten Mitteleuropa, begleiteten die eigenen und fremde Kinder.

Paula findet beim Putzen eine engbeschriebene Kladde.  Sie ist vor 25 Jahren vollgekritzelt worden.

Jetzt schreiben wir das Jahr 2012, Ende Januar. Vor wenigen Stunden hat Hannah sie besucht. Sie parkt vor dem Haus und packt Einkäufe aus. Sie hören ein fürchterliches Krachen und laufen auf die Strasse. Hannahs Auto ist nur noch ein Schrotthaufen, das vom Unfallverursacher auch. Es läuft Benzin aus und Paula holt die Fahrerin aus dem Auto. Sie ist augenscheinlich nicht verletzt. Nach zwei Stunden mit Polizei, Abschleppdienst und Straßensperrung kehrt wieder halbwegs Ruhe ein. Hannah trinkt einen heißen Kakao und Paula lässt ihr ein Wellnessbad ein. Sie spreutzelt noch Entspannungsperlen zusätzlich zum Schaum, zündet Kerzen an, in der Hoffnung, dass es hilft. Die Tränen kullern immer noch.

Paula ruft Friedemann an und schüttet ihr Herz bei ihm aus. Seine ruhige Stimme tut immer noch gut. Till findet sie in der Werkstatt. Er macht gerade Pause und erzählt vom dem kleinen Windkraftwerk, was er gebaut hat; es soll einen Raum im Haus mit Strom versorgen. Sie freuen sich  gemeinsam. Sie erzählt von ihrem Fund und Till sagt:

Mutter, schreib es auf!

 

 

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